„Was könnten Sie tun, um Ihr Problem noch weiter zu verschlimmern?“ - die Verschlimmerungsfrage als paradoxe Intervention

Die Verschlimmerungsfrage stellt eine Frageart aus dem Repertoire der systemischen Fragen dar. In ihrer Grundkonstruktion wird der Klient[1] danach gefragt, wie er oder sie die aktuelle Situation noch weiter verschlimmern kann:

 

 - „Wie könnten Sie dafür sorgen, dass all Ihre Bewerbungsgespräche erfolglos laufen?“

 - „Wenn Sie Ihre Depression möglichst schnell und möglichst stark herbeirufen wollten, was könnten Sie dafür tun?“

 - „Angenommen, du möchtest Deine Mutter mal so richtig wütend machen, was müsstest du dafür tun?“

 - „Wenn Sie dafür sorgen wollten, dass die schlechte Stimmung in Ihrem Team sich auf keinen Fall ändern sollte, wie könnten Sie das bewerkstelligen?“

 

Aber welchen Sinn haben solche Fragen? Zunächst lässt sich eine Analogie zu der auch als „Kopfstandmethode“ bekannten Kreativtechnik ziehen: Statt nach Lösungen zu suchen, werdenhier zunächst negative oder schlechte Ideen gesammelt, und im Anschluss werden diese umgekehrt (wieder „auf die Füße gestellt“), um positive Lösungsansätze zu entwickeln. So sollen kreatives Denken und Perspektivwechsel gefördert und Denkblockaden durchbrochen werden. Zusätzlich hat diese Methode häufig eine humorvolle, erleichternde („kathartische“) Komponente und erzeugt hierdurch eine gewisse Leichtigkeit. Diese Funktionen lassen sich grundsätzlich auch auf die Verschlimmerungsfrage in der Beratungssituation übertragen.

 

Im engeren Sinne als systemische Intervention hat die Verschlimmerungsfrage darüber hinaus die Funktion einer paradoxen Intervention. Menschen befinden sich gewöhnlich in einer tendenziell ambivalenten Beratungssituation:

  

„Hilf mir, meine Situation zu verändern.“ vs. „Ich möchte, dass alles so bleibt, wie es ist.“

   

Paradoxe Intervention entsprechen einer „Spiegelung der Paradoxie“ des Klientensystems.[2] Das „problemhafte Verhalten, das sie in dieser Situation an den Tag legen, empfinden sie dann sehr oft als symptomatisch. „Ein Symptom ist [jedoch] eine spontane Verhaltensform …“[3] Und jemand, der in eine Beratung geht, wird häufig schon zahlreiche Versuche hinter sich haben, das problematische Verhalten zu verändern. „Wenn also ein Therapeut seinem Patienten vorschreibt, sich symptomatisch zu verhalten, so verlangt er spontanes Benehmen und erwirkt durch diese paradoxe Aufforderung eine Verhaltensänderung des Patienten.“[4] Durch die hypothetische Frage, was getan werden könnte, um die Situation noch schlimmer zu machen, soll der Klient somit erkennen, dass er auch Einfluss auf eine positive Veränderung hat. Wer ein Problemverhalten verschlimmern kann (und somit kontrollieren), kann es auch verringern, in eine andere (gewinnbringende) Form bringen oder sogar lösen. Dabei liegt der erste Erkenntnisgewinn bereits darin, überhaupt (wieder) Einfluss auf die eigene Lebenssituation zu haben und somit den Glauben an Selbstwirksamkeit und Handlungsmächtigkeit (zurück) zu erlangen.

  

Verschlimmerungsfragen helfen dabei, Sichtweisen zu irritieren und zu verrücken. Sie können besonders dann hilfreich sein, wenn die Klienten ihre Situation als besonders hoffnungslos und unveränderbar empfinden („Klagende“) und daher mit Bewältigungsfragen keinen guten Umgang (mehr) finden.

  

[1] …oder der/die Coachee, SupervisandIn etc.

[2] Schwing, Rainer / Fryszer, Andreas (2012): Systemisches Handwerk: Werkzeug für die Praxis. 5. Aufl., Göttingen, S. 249ff.

[3] Watzlawick, Paul/ Beavin, Hanet H. / Jackson, Don D. (2017): Menschliche Kommunikation. 13., unveränd. Aufl., Bern, S. 262.

[4] A.a.O., S. 262f.

 

 

 

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